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Neue Ideen mit angestammten Personal

Innovation von innen heraus: Mit dem Projekt „TransNext“ nutzte der baden-württembergische
Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW das Potenzial von 700 Mitarbeitenden.
Bei dem breit angelegten Prozess entstanden Ideen für neue Geschäftsfelder. Gleichzeitig
sammelten die Mitarbeiter wertvolle Erfahrungen.

Dr. Dennis Klink, Senior Manager, TransnetBW GmbH, und Nicolas Gehring, Senior Consulter, K.Group GmbH veröffentlichten dazu einen Artikel in energate, Ausgabe 2 (April 2020)

Megatrends wie Digitalisierung, Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung sowie die zunehmende Kleinteiligkeit der Erzeugungslandschaft verändern das Energiesystem grundlegend. Die Komplexität und die Veränderungsgeschwindigkeit im Kontext der Energiewende stellen Organisationen und ihre Mitarbeiter wieder vor neue Herausforderungen. Nebenanorganischen Möglichkeiten zur Förderung von Innovationen, z. B. durch dieBeteiligung an Start-ups, beschäftigen sich Unternehmen zunehmend mit der Entwicklung und Etablierung von Prozessen zur Steigerung der Innovationskraft aus dem Inneren ihrer Organisation heraus.

Auch die TransnetBW, Übertragungsnetzbetreiber für Strom in Baden-Württemberg und einer der wesentlichen Akteure beider Gestaltung der Energiewende, hat sich Anfang 2019 dazu entschlossen, den Innovationsprozess„TransNEXT“ zu starten.Mithilfe des Prozesses soll das Potenzial und die vielfältigen Ideen der rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Bereiche genutzt werden. Die Transfergesellschaft der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und die Unternehmensberatung K.Group aus München begleiteten das Projekt und unterstützten vor allem beim Auf- und Umsetzen eines Mobilisierungs-und Schulungskonzeptes.

Ideenfindung

Zu Beginn des Prozesses sammelte das Unternehmen über eine neue Intranet-Plattform Ideen. Alle Mitarbeiter der TransnetBW konnten hier eigene Innovationsvorschlägemit einbringen. Dass sich Mitarbeiter aus nahezu allen Unternehmensbereichen wie dem Netzbetrieb, dem Technikbereich,der IT, dem Personal und auch anderen Querschnittsfunktionen beteiligten, lag an einem umfassenden Mobilisierungs- und Kommunikationskonzept. Die sechswöchige Ideenfindungsphase wurde nämlich gezielt durch interne Veranstaltungen ergänzt, bei denen Mitarbeiter neue Ideen entwickeln konnten. So wurden partizipative Projektelemente und Kreativitätsmethoden, beispielsweise die Walt-Disney-Methode oder die Reizwort-Analyse eingesetzt,um eine Vielzahl an Ideen zu generieren. Zusätzliche Anregungen boten After-Work-Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen mit externen Innovationsexperten aus der Energiewirtschaft und anderen Branchen.

So entstanden über 30 vielversprechendeIdeen, die unter anderem auf die Themenfelder Nachhaltigkeit, Wissensmanagement und Digitalisierung einzahlen. Jede Stimme zählt! Nach der Ideeneinreichung startete die Kommentierungsphase mit dem Ziel, wertvolles Feedback aus dem Unternehmen einzuholen und auch die Mitarbeiter ohne eigenen Vorschlag am Prozess zu beteiligen. Zentrales Element in dieser Phase war die eigens dafür geschaffene Online-Plattform. Hier konnten Mitarbeiter ihre Vorschläge einreichen, von Kollegen eingestellteIdeen einsehen und direkt online kommentieren.

Der Mut des Unternehmens zeigte Wirkung

Als Resultat formierten sich bereits in dieser frühen Phase erste crossfunktionale Teams aus der Belegschaft, die gemeinsam mit dem Vorschlaggeber das Thema weitertreiben wollten. Zudem konnten erste Mentoren – Unterstützer aus dem Management – für Ideen gefunden werden. Ein Grund für das hohe Interesse war sicherlich der Mut des Unternehmens, im ersten Auswahlschritt komplett auf das Votum der Belegschaft zu setzen. Alle Mitarbeiter hatten die Möglichkeit, sich über das „Mitarbeiter-Voting“ am Prozess zu beteiligen und die Erstauswahl zu treffen. Mehr als die Hälfte der Belegschaft nutzte diese Gelegenheit und stimmte für den individuell favorisierten Vorschlag online ab.

Beim Pitch gewannen alle –zumindest an Erfahrung

Für die „Top 11“ aus dem Mitarbeiter-Voting ging es beim „Marktplatz der Innovationen“ darum, ihre Ideen erstmals persönlich interessierten Kollegen vorzustellen. Ziel war es, mit unterschiedlichen Kompetenzen für die Umsetzung des eigenen Innovationvorschlags zu gewinnen und die Präsentation der Idee vor dem großen Pitch Day zu üben. Zwei Wochen später hatten die Innovationsvorschlaggeber und ihre Teammitglieder dann die Möglichkeit, das Auswahlgremium in einem dreiminütigen Pitch von ihrer Idee zu überzeugen. Die Jury bestand aus der Geschäftsführung und dem Top-Managementdes Unternehmens. Das Ticket fürden sogenannten Entwicklungssprint – die Weiterentwicklung der Ideen im Rahmen eines klar abgesteckten Zeitfensters – konnten zwar nur fünf der elf angetretenen Teams lösen, dennoch war die Pitch-Erfahrung für alle wertvoll. Als Herausforderung empfanden es die Teilnehmer, in der kurzen Zeit das Problem, die Lösung, den Nutzen sowie einen Appell an das Gremium zu formulieren. Eine neue, und in vielerlei Hinsicht wertvolle Erfahrung war außerdem, sich auf das Wesentliche und für die Stakeholder Interessante zu fokussieren. Von der Idee zum Business Case

Nach Pitch Day 1 ist vor Pitch Day 2

Und so hieß es für die Teams, keine Zeit zu verlieren, sondern die Sommerwochen gezielt zu nutzen, um die eigene Idee weiterzuentwickeln. Unterstützt wurden die Teamsvon internen und externen Experten. Dabei wurde der neue Innovationscampus, das „NEXTLab“, in Wendlingen am Neckar zum Austragungsort von vier intensiven Schulungstagen. Dafür wurde im Vorfeld des Projektes gemeinsam mit der Transfergesellschaft der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ein individuelles Schulungsprogrammentwickelt. Hierbei wurde theoretisches Wissen vermittelt, aber auch viel Raum für die Arbeit am eigenen Innovationsprojekt geboten.

Mit Hilfe des Value Proposition Canvas wurde die Idee geschärft und weiterentwickelt, im Nachgang wurden basierend auf der Schärfung erste Prototypen entwickelt, z. B. Click-Dummies oder Videos. Die Visualisierung der Idee half den Teilnehmern, die eigenen Gedanken möglichst leicht verständlich für potenzielle Kunden darzustellen. Im dritten Schritt wurde mit den Prototypen Kundentests in Form von Umfragen und Interviews vorbereitet und durchgeführt. Das wertvolle Kunden-Feedback nutzen die Mitarbeiter im Nachgang, um die eigene Idee orientiert an den Kundenbedürfnissen weiter zu präzisieren.

Wer überzeugt?

Im vierten Schritt wurden erste Kosten- und Nutzenabschätzungen aufgestellt sowie bereits ein konkreter Projektplan erstellt. Wer überzeugt und darf sein Projekt umsetzen? Unter Hochspannung wurde auf das große Finale von TransNext hingearbeitet. Am zweiten Pitch Day – sechs Monate nach Prozessstart – wurden die weiterentwickelte Idee, ein erster Prototyp sowie ein Projektplan für die weitere Umsetzung vorgestellt. Weil der ganze Prozess darauf ausgelegt war, das eigenverantwortliche und in gewisser Weise auch unternehmerische Handeln der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu stärken und zu fördern, war es bei diesem Projektschritt besonders spannend zu sehen, welche Umsetzungspläne die Teilnehmer mit Blick auf die eigenen Ressourcen dem Gremium zurEntscheidung vorgelegt hatten.

„Wir haben fünf sehr engagierte Teams inunterschiedlicher Zusammensetzung mitverschiedensten Innovationsideen erlebt. “Die Vorstellungen auf der NEXTLab-Bühne haben uns wirklich begeistert“, betont Werner Götz, Geschäftsführer derTransnetBW, nach dem zweiten Pitch. Drei Teams wurden für die weitere Umsetzung ihrer Projekte ausgewählt. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch mit anderen Vorschlägen, die in den Prozess eingebracht wurden, weitergeht. Sondern gleichzeitig werden auch einige andere Themen parallel weiterverfolgt und in der Linie umgesetzt. Götz zieht daher ein positives Fazit: „Wir freuen uns, dass das Experiment geglückt ist.“

Wann der nächste Zyklus von Trans-Next startet und durch welche weiteren Elemente die Innovationsförderung beiTransnetBW gegebenenfalls noch ergänzt wird, wird sich nach einer eingehenden Evaluationsphase zeigen. Dass der Blick in die Zukunft und neben dem Kerngeschäft auch auf neue Geschäftsfelder gerichtetist, ist jedoch allen klar.